Geistliches Wort

Der Mensch …Du fehlst

Das laute Ticken der Küchenuhr dröhnt im Kopf und zugleich quält die Stille.
Ein Mensch fehlt. Eine einmalige Persönlichkeit. Sein Lachen, seine Gegenwart, seine Meinung. Nichts ist wie vorher.
„Plötzlich und erwartet“ oder nach „langer Krankheit“. Ein Mensch fehlt. Immer wieder machen wir diese Erfahrung, dass eine vertraute Stimme nicht mehr zu hören ist.
Es tut weh, diesen Verlust zu empfinden. Es wird stiller um uns und manchmal auch ganz laut. Auf alle Fälle werden wir einsamere Zeitgenossen.
Das Fehlen wird als Lücke, als Verlust gespürt. Die immer wieder behauptete Selbstständigkeit (Autonomie) von uns Menschen, gerät an Erfahrung der Grenze des Lebens ins Wanken.
Unser Leben ist ein Fragment, ein Puzzle, und unsere Mitmenschen puzzeln mit an unserem Lebensbild. Wir leben nicht allein.
Wir leben in einer Gemeinschaft und jedes Puzzleteil und jede Akteurin ist dabei wichtig.
Martin Luther hat in der Heidelberger Disputation von 1518 es in der 21. These so ausgedrückt:
Der Theologe der Herrlichkeit nennt das Schlechte gut und das Gute schlecht.
Der Theologe des Kreuzes nennt die Dinge, wie sie wirklich sind. Ehrlich und realistisch. Nicht beschönigend oder verkleisternd.
Die tiefe Erschütterung des Sterbens eines Menschen bedeutet für die Überlebenden eine große Erschütterung und Einschnitt.
Und diese Erschütterung gilt es zuzulassen und nicht kleinzureden. Mit allen Risiken und allen Ressourcen die in der Tiefendimension damit verbunden sind.
Vielschichtig ist das „Fehlen“, schmerzhafte Erfahrungen und Prozesse ebenso wie die wunderbare Hoffnung auf die Überwindung
dieser enormen Verwundbarkeit. Dünnhäutiger werden wir dabei auf alle Fälle dabei und hoffentlich zugleich auch empfindsamere Zeitgenossen für die eigenen Bedürfnisse und die eigene Bedürftigkeit.
Martin Luthers neue Sichtweise mag uns immer wieder helfen und anleiten ehrlich und realistisch dabei zu werden.
Gerade jetzt am offiziellen Ende der Weihnachtszeit und dem Beginn der Vorpassionszeit. Zur Leidenschaft im Leben gehört auch das Leiden.
                                Christof Jochem, evang. Pfarrer in Oschatz, Kirchgemeinde Oschatzer Land
Pfr. Christof Jochem