Geistliches Wort

Aufgeschlagene Bibel auf dem Altar
Kirchliche Streitkultur

Für einen guten Streit ist der richtige Ort absolut entscheidend. Ganz schlecht ist es im Treppenhaus: Da steht oft Einer über dem Andern, das Licht ist schlecht, die Akustik klingt hart und die Eskalation ist vorprogrammiert. Nicht besser läuft es im engen Auto, an der strengen Haustür oder im übervollen Freibad.
Mein Tipp: Planen Sie Ihren nächsten Streit in einer Kirche. Der beste Ort zum Streiten! Die hallende Akustik zwingt uns, langsam zu sprechen, weil wir sonst uns selbst ins Wort fallen. Besonders ruhige Worte haben das meiste Gewicht, und aggressives Schreien verbietet sich allein schon durch die heilige Atmosphäre. Gehen Sie abwechselnd auf die Kanzel, um von dort gut hör- und sichtbar, und doch aus sicherer Distanz Ihre Sicht der Dinge darzulegen. Danach ein ruhigeres Gespräch in den Kirchenbänken in friedlich sitzender Körperhaltung, Blicke parallel auf irgendein Detail des Altarbildes oder den Gekreuzigten selbst, gibt Gelegenheit für Nachfragen, Zugeständnisse und vielleicht eine vorsichtig heran-rutschende Annäherung. Wenn dann aber unüberbrückbare Gräben deutlich werden, kann vielleicht der Weg zum Altar seine Wirkung entfalten. Gemeinsam treten Sie vor den eigentlich schuldigen: Der, der Sie eben so gemacht hat wie Sie sind, mit allen Ecken und Kanten. Und der Ihnen beiden auch die Gründe für diesen Streit verzeiht, samt der ganzen Unruhe, die Sie ihm ins Haus gebracht haben.
Wenn Ihre Kirche unter der Woche nicht geöffnet sein sollte, fragen Sie doch mal im Pfarramt nach, ob vielleicht eine Ausnahme möglich wäre. Sie müssten dringend jemanden ins Gebet nehmen.

Tobias Matysik, Pfarrer Döbelner Region